Geschichten, die die Arbeit schreibt

Der Milchdieb

Es war einmal ein gemeiner Milchdieb, der sich in den frühen Morgenstunden heimlich in fremde Küchen schlich und Milch aus dem dort befindlichen Eisschrank entnahm. Sodann verfeinerte er sein mitgebrachtes Getränk damit, ohne Rücksicht darauf, ob die Milch besonderer Herkunft war oder der Name des Eigentümers darauf gedruckt war. Er hatte ja auch nicht vor zu verraten, dass er die Milch genommen hatte. Schnell stellte er das Gefäß zurück, wusste aber nicht mehr wie er es entnommen hatte, so dass es völlig schief stand und es dem Eigentümer auffallen musste. Doch das war ihm auch egal. Er wollte ja nur sein Getränk verfeinern. Schnell schlich er sich wieder davon, um unentdeckt zu bleiben. Eines Tages jedoch sprach ihn ein Milcheigentümer an und fragte, ob er von seiner Milch genommen hatte. Erschrocken antwortete er, dass er so etwas nie tun würde. Das verstoße schließlich gegen seine Überzeugung. Am nächsten Morgen, als er wieder in die Küche schlich, wusste er nicht, dass das auserwählte Milchgefäß mit einer Farbe bestrichen war. So machte er sich daran sein Getränk zu verfeinern ohne auf das Gefäß zu achten. Er schlich sich nach seiner Tat wieder davon und wurde tatsächlich auch nicht gesehen. Zufrieden genoss er in seinem Versteck sein Getränk und lächelte vor sich hin. Da plötzlich stand der bestohlene Milcheigentümer in der Tür und verlangte die Hände des Milchdiebes zu sehen. Erst jetzt erkannte er, dass er diesmal ertappt worden war. Der Milcheigentümer rief: “ICH HABE DEN DIEB!“, so dass alle umliegenden Ansässigen herbei gelaufen kamen und den Milchdieb anstarrten. Alle tuschelten und schauten strafend drein. Keiner wollte nun mehr mit ihm etwas zu tun haben. Das war dem Milchdieb eine Lehre und er hat von da an nie wieder fremder Leute Getränke gestohlen!

Das hätte man verhindern können

Es war einmal ein Zwerg, der manchmal Sachen kaputt machte, ohne zu verraten, dass er es war. Eines Tages arbeitete er in seinem Bergwerk zu einer ungewöhnlichen Zeit, nachdem schon alle anderen Zwerge nach Hause gegangen waren. Er musste unbedingt noch eine Aufgabe erledigen, weil er den ganzen Tag vertrödelt hatte. Die Aufgabe musste aber unbedingt bis zum nächsten Morgen erledigt sein. Also schaltete er den Generator für die Lampen ein und machte sich an die Arbeit. Als der Zwerg dann den Generator ausschalten wollte, brach ihm dummerweise der Schalter ab, so dass der Generator nicht mehr ausging. Schnell verschwand er nach Hause, ohne weiter darüber nachzudenken. Dass er seine Spitzhacke neben dem Generator liegen gelassen hatte, hatte er auch nicht bemerkt. Inzwischen begannen die Lampen durch den Dauerbetrieb zu überhitzen. Alle Lampen brannten durch, einige explodierten sogar und hinterließen einen schrecklichen Gestank.

Am nächsten Morgen, als die anderen Zwerge zur Arbeit erschienen, wunderten sie sich, was passiert war. Der Generator lief noch, aber das Licht war aus und es roch sehr unangenehm. Ein Zwerg, der eine Taschenlampe dabei hatte, schaute sich um und bemerkte die zerstörten Lampen. Die Zwerge konnten so nicht arbeiten. Doch wer war schuld? Der Taschenlampenzwerg fand neben dem Generator die Spitzhacke des Schuldigen. Er stellte ihn zur Rede und verlangte von ihm, dass er viele Tage den Schaden abarbeiten musste, wenn dann endlich wieder gearbeitet werden konnte. Bis zur Wiederherstellung des Arbeitsplatzes konnten die anderen Zwerge ihren Lebensunterhalt nun nicht bestreiten. Das nahmen sie dem schuldigen Zwerg sehr übel und keiner wollte nun mehr etwas mit ihm zu tun haben. Von da an war er der Kollegenschwein-Zwerg!

Die ungleichen Schwestern

Es waren einmal zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine war klein und dick und hatte schwarzes, krauses Haar. Die andere war groß und schlank und hatte wunderschönes glattes, glänzendes, blondes Haar. Die kleine war liederlich und ignorant, die große war ordentlich und lebte im Einklang mit ihrer Umwelt.

Eines Tages kramte die kleine Schwester im Schrank und stieß dabei die Lieblingstasse der großen Schwester um, die sogar aus dem Schrank heraus fiel. Die kleine Dicke sah, dass Stücke von der Tasse abgebrochen waren, stellte sie aber trotzdem zurück in den Schrank. Auch die abgebrochenen Teile ließ sie einfach liegen. Es war ihr egal.

Als die große Schwester ihre Tasse aus dem Schrank nahm und ihren Tee eingoss, floss dieser direkt wieder hinaus und ergoss sich auf den Teppich. Die Große erschrak und fing an zu weinen, weil ihre Lieblingstasse kaputt war. Wer war das gewesen? Schließlich musste sie auch noch den Teppich reinigen und erst jetzt sah sie, dass da auch noch Teile ihrer Tasse verstreut waren. Der Tassenzerstörer hatte also nicht mal den Schmutz beseitigt! Die große fragte ihre kleine Schwester, weil sie ja wusste, dass die ziemlich schludrig war. Sie verdrehte die Augen und spielte verlegen mit ihren Haaren. Da wusste die Große Bescheid. „Schade“, sagte sie „dass du immer so böse zu mir bist. Ich hab dir doch nichts getan!“ Die Kleine zuckte mit den Schultern und ging in ihr Zimmer. Die Große war sehr enttäuscht und redete von da an kein Wort mehr mit ihrer kleinen Schwester. Leider war ihr das egal, weil sie sich keine Gedanken um ihre Umwelt machte und so verpasste sie viele schöne Dinge, die sie mit ihrer Schwester hätte erleben können!

Das unliebsame Geschenk

Es war einmal ein Mädchen, das in einem kleinen Dorf lebte. Sie kümmerte sich stets um ihre Mitmenschen und fühlte sich in dem Dorf sehr wohl. Eines Tages fand sie beim Aufräumen einen alten, aber funktionstüchtigen Eisschrank. Sie freute sich und brachte ihn, in den Gemeinschaftsraum des Dorfes, so dass ihn alle nutzen konnten. Doch die Menschen in ihrer Umgebung waren leider gar nicht begeistert. Es gab ja schon einen Eisschrank, welcher zwar zu klein war und deshalb nicht für alle reichte, aber bisher hatte das doch niemanden gestört, dachten sie. Alle schimpften darüber und dachten nur daran, dass sie jetzt plötzlich durch den zweiten Eisschrank etwas weniger Platz zum Sitzen hatten. Der Aufwand etwas umzuräumen oder sich selbst Gedanken zu machen war ihnen aber zu groß. Sie stichelten und foppten das Mädchen so lange, bis es ganz traurig war und schließlich zu Hause bleiben musste, weil sie die Anderen nicht mehr ertragen konnte. Der Eisschrank wurde einfach verbannt und alle, denen er nicht gefallen hatte, waren zufrieden. Nur die, die sich darüber gefreut hatten, waren traurig.

Es ging ein wenig Zeit ins Land und der heißeste Sommer, den es je gab, brach an. Alle wollten kühle Getränke, doch der eine im Gemeinschaftsraum vorhandene Eisschrank war sehr schnell voll. Einige konnten gekühlte Getränke genießen, andere mussten sie warm trinken. Speisen, die gekühlt werden mussten, fanden keinen Platz mehr und verdarben. Alle waren unzufrieden. So stritten sie sich, bis der Bürgermeister fand, ein zweiter Eisschrank wäre von Vorteil. Da schauten sich alle an und dachten, den hatten wir doch mal. Sie erkannten nun, dass es wirklich praktisch wäre. „Ach, hätten wir doch auf das Mädchen gehört. Warum haben wir ihr nicht geglaubt und den Eisschrank verbannt?“ Nun sahen sie ein, dass man nicht alles von vornherein verteufeln sollte.

Unentdeckte Talente

Es war einmal im Tal der Zwerge ein fleißiger Schürfzwerg, welcher jeden Tag seit vielen Jahren gewissenhaft und gründlich seine Arbeit tat. Er lebte in einer kleinen, bescheiden eingerichteten Hütte, welche seiner Tätigkeit nach angemessen war. Der Oberzwerg lobte ihn sehr oft und war mit der Arbeit sehr zufrieden. Eines Tages sagte der Schürfzwerg zum Oberzwerg, dass er gern in die Riege der Siebzwerge aufsteigen würde, die die geschürften Edelsteine wuschen und aussortierten. Sie trugen mehr Verantwortung und hatten dafür auch größere Hütten mit bequemeren Betten. Die erforderliche Weiterbildung für den Schürfzwerg würde ein Jahr in Anspruch nehmen und der Zwerg würde dafür einen Tag pro Woche nicht zur Arbeit erscheinen. Der Oberzwerg überlegte nicht lange und sagte, dass er den Zwerg nicht im Geringsten entbehren könne, schon gleich gar nicht jede Woche für jeweils einen ganzen Tag. Der Schürfzwerg war sehr enttäuscht und traurig. Ohne die Weiterbildung hätte er nie die Chance eine bessere Hütte beziehen zu können. Außerdem hätte ihm die höherwertige Tätigkeit viel mehr Spaß gemacht. Von da an tat er bei der Arbeit nur noch das, was er unbedingt musste. Er war nicht mehr so engagiert wie vorher, ging nicht mehr von sich aus auf andere Zwerge zu, um sie zu unterstützen und tat seine Arbeit genauso, wie sie vorgeschrieben war; nicht mehr, nicht weniger. Das sah der Oberzwerg nach einigen Monaten und fragte den Zwerg, warum er denn nicht mehr so gut arbeiten würde wie früher. Der Schürfzwerg sagte ihm gerade heraus, dass er seine Arbeit nach Vorschrift tat, aber keine Veranlassung hatte, mehr zu tun, da er kein Entgegengekommen sah. Der Oberzwerg sagte ihm ehrlich, dass er ihn genau an der Stelle bräuchte, wo er sei und Angst hätte ihn zu verlieren, wenn er besser ausgebildet wäre. Da sagte ihm der Zwerg, dass er ihn auch so verlieren würde, da er sich einen neuen Oberzwerg suche, der ihn fördern würde. Dies geschah auch nach wenigen weiteren Wochen. Der Schürfzwerg erhielt das Angebot vom Oberzwerg der Mine im Nachbarort. Sie vereinbarten, dass der Schürfzwerg diese Tätigkeit für ein Jahr ausübe und danach die Weiterbildung zum Siebzwerg absolvieren dürfe. Danach würde er auch sofort die neue Tätigkeit ausüben dürfen und eine größere Hütte erhalten. Der Schürfzwerg war so glücklich! Er ging zu seinem Noch-Oberzwerg, legte seine Spitzhacke vor dessen Nase und sagte: „So, ab morgen darfst du diese Arbeit selber machen. Ich bin dann weg.“ Er drehte sich um und ging pfeifend von Dannen. Der Oberzwerg blieb verdutzt zurück und musste nun jemanden suchen, der die Arbeit als Schürfzwerg genauso gut erledigen würde, was ihm aber nie gelang.

Organisation ist alles

Es war einmal in einem Bergwerk im grünen Tale, wo die Zwerge edle Steine abbauten. Da gab es Schleifzwerge und Gräberzwerge und natürlich den Oberzwerg. Der Oberzwerg schaute, dass alles mit rechten Dingen zuging. Die Schleifzwerge schliffen die von den Gräberzwergen geschürften Steine und sortierten sie anschließend nach deren Größen in Kästchen. Einer, genannt Schleifer, hatte ein so großes Areal zu bearbeiten, dass der Oberzwerg ihm einen besonders fleißigen, genannt Gräber, an die Seite stellte, um beim Sortieren der geschliffenen Steine zu helfen. Gräber schürfte also nicht nur Gestein, sondern sortierte auch noch Schleifers fertige Arbeit. Mit der Zeit hatte auch Gräber immer mehr zu tun, weil ihm der Oberzwerg weitere Areale zuwies und ihm verantwortungsvolle Bereiche anvertraute. So kam es, dass er kaum noch Zeit zum Sortieren hatte. Schleifer organisierte seine Arbeit leider auch schlechter als andere Zwerge. Vielleicht hatte er sich auch einfach zu sehr daran gewöhnt, dass Gräber immer für ihn die Steine sortierte. Eines Tages wurde Schleifer krank. Ein anderer Zwerg nahm sich eines Teils seiner Arbeit an. Da er jedoch noch sein eigenes Areal hatte, kam er auch nicht zum Sortieren. Als Schleifer wieder im Bergwerk erschien und die viele liegen gebliebene Arbeit sah, wurde er wütend. Er fragte Gräber, ob dieser noch für ihn arbeite. Da Gräber offiziell kein neues Areal zugewiesen bekommen hatte, bejahte er. Nun war auch noch ein anderer Gräberzwerg krank, so dass Gräber dessen Areal zumindest teilweise mit betreute. Gräber machte sich aber keine Gedanken um Schleifers Sortierung, da ja der Oberzwerg die Kontrolle über alles hatte und sich der Sache annehmen würde, falls Schleifer Probleme hätte. Schließlich hatte Schleifer auch nichts vom Sortieren gesagt, so dass Gräber davon ausging, alles sei in Ordnung und leistete seine übliche Zuarbeit. In der nächsten Arbeitsbesprechung aller Zwerge passierte jedoch etwas Unerwartetes. Vor allen Anwesenden forderte Schleifer plötzlich Gräber auf seine Steine zu sortieren. Gräber fiel aus allen Wolken. Der Oberzwerg fand es gar nicht gut, dass Schleifer vor allen anderen seinen Helfer zur Arbeit aufforderte. Vor allem da dieser doch so viel zu tun hatte. Er bestand darauf, dass ein Gespräch zwischen den Dreien stattfinden sollte. Nachdem die anderen Zwerge murmelnd gegangen waren, fing Schleifer fürchterlich an zu schimpfen. Er behauptete Gräber würde sich gar nicht mehr um das Sortieren kümmern, obwohl der Oberzwerg doch versprochen hatte, dass das seine Aufgabe sei. Schleifer sagte, er könne doch nicht alleine ein so großes Areal bearbeiten. Er war sogar der Meinung Gräber hätte nur keine Lust ihm zu helfen. Zum Glück stellte sich der Oberzwerg auf Gräbers Seite. Beide waren entsetzt über Schleifers Worte. Der Oberzwerg erklärte Schleifer, was Gräber jetzt alles zu tun hätte und dass sie sicher eine Lösung finden würden. Die anderen Gräberzwerge könnten ja in einer Hauruck-Aktion mithelfen, dann wäre alles erledigt. Schleifer würde ohnehin nicht für immer so viel Arbeit haben. Der Oberzwerg hatte sich nämlich schon Gedanken über eine bessere Verteilung gemacht. Gräber jedenfalls würde künftig nicht mehr für Schleifer arbeiten. Wenn zwei sich so schlecht verstehen, sollten sie lieber nicht zusammen arbeiten müssen. Schleifer war immer noch unzufrieden und bat Gräber auch nie um Verzeihung. In seinem Gram wurde er schließlich so krank, dass er nicht mehr seine Hütte verlassen konnte und schließlich vereinsamte.

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Dunkles Verlangen

Anna sah in den Spiegel, neigte ihr Gesicht dicht an ihr Ebenbild heran. Ihre Augen… sie fand schon immer, dass ihre Augenfarbe nicht so wie die der anderen Menschen war, die sie kannte. Die Grundfarbe war blau oder mehr graublau, je nach Lichteinfall. Außen war ein dunkelblauer Ring und um die Pupille herum strahlenförmig eine andere Farbe – grünbraun. Schwer zu beschreiben. Anna betrachtete ihre Augen wie jeden Tag einen Moment lang fasziniert und ging dann ihren alltäglichen Tätigkeiten nach.

Sie arbeitete als Schreiberling in der Redaktion einer kleinen Lokalzeitung. Heute standen erste Recherchen für ihren neuen Artikel an, welcher gewöhnlich im Bereich Feuilleton angesiedelt war. Dazu wollte sie in einen Club ihrer Stadt, das Dark Rose, gehen und erhoffte sich Menschen zu treffen, die genau das taten, worüber sie schreiben wollte. Sie hatte den Tipp von einem Kollegen bekommen, der wiederum jemanden kannte, der sich dort ab und zu herumtrieb. Anna kleidete sich sorgfältig in ein Ausgeh-Outfit, figurbetonte Jeans, dunkelrotes Top, schwarze Rüschenbluse und legte ihr Abend-Make-Up auf. Sie betonte besonders ihre schönen Augen und schenkte ihren Lippen noch ein zartrosa Gloss. Zufrieden warf sie ihrem Spiegelbild einen Kussmund zu und machte sich auf den  Weg.

Am Dark Rose angekommen, kam sie problemlos am Türsteher vorbei. Die Zeiten waren vorbei, als man sie noch nach dem Ausweis fragte. Sie sah zwar jünger aus als andere ihres Alters, aber mit Anfang 30 konnte man sie eben auch nicht mehr für unter 18 halten. Lächelnd bezahlte sie ihren Eintritt und verzichtete darauf sich den Clubstempel auf das Handgelenk verpassen zu lassen. Sie hasste diese Stempel und hatte auch nicht vor hinaus zu gehen, bevor sie den Heimweg antrat.

Drinnen war es überwiegend düster. Die Tanzfläche, auf der sich wenige Leute tummelten, war mittels Lasern ins rechte Licht gerückt. Anna suchte sich einen Platz an der Bar, bestellte sich ein Glas Weißwein und beobachtete aufmerksam die Gäste. In den Ecken des Clubs waren gemütliche Sessel und Sofas aufgestellt. Dort saßen Pärchen, knutschend, tuschelnd, lachend. Erstaunt beobachtete sie wie eines der Pärchen eng umschlungen seiner Leidenschaft frönte. Er küsste ihren Hals wild und sie sah sehr erregt aus. In den Gläsern der meisten war offensichtlich Rotwein, musste das Szenegetränk hier sein. Anna saugte mit ihren scharfen Sinnen alles auf, das grelle Laserlicht, die Geräusche der Gäste, die laute Musik… ihr wurde etwas schwindelig.

Plötzlich setzte sich jemand neben sie an die Bar. Anna schaute leicht erschrocken hinüber. Es war ein gut aussehender, junger Mann, vielleicht Ende Zwanzig, mit schönen, hellen Augen und einem perfekt geformten Mund. Er war schlank, gut gekleidet und hatte gepflegtes dunkles Haar. „Hi“ sagte er und lächelte kurz. Anna nickte zur Begrüßung und widmete sich ihrem Glas. Sie fühlte sich ertappt. Hatte sie die Gäste zu intensiv beobachtet? „Suchst du jemanden?“ fragte der junge Mann. Anna verschluckte sich fast. „Äh, nein, also naja, nicht direkt“ stammelte sie. „Vielleicht kann ich dir ja helfen, mir gehört der Laden.“ Der Mann schaute sie erwartungsvoll an. „Tom“ sagte er knapp und reichte ihr die Hand. „Oh, angenehm, Anna. Begrüßen Sie, äh, Du alle neuen Gäste persönlich?“ Tom lächelte, wobei seine weißen Zähne hervor blitzten. „Nur die hübschen“ sagte er belustigt. „Im Ernst, wir kennen uns hier alle und der Türsteher hat die Anweisung nicht jeden rein zu lassen. Entweder man kommt in Begleitung eines Stammgastes oder man sieht so aus, als gehöre man hierher“ erklärte Tom und musterte sie bei den letzten Worten von oben bis unten. Anna war das sichtlich unangenehm. „Keine Angst, wir tun dir ja nichts“ beeilte sich Tom. Anna fasste wieder Selbstvertrauen. „Erzähl mir mal was von dir“ forderte Tom sie schmunzelnd auf. Anna erzählte von ihrer Arbeit als Journalistin und, dass sie nicht ganz zufällig hier war. „Ich möchte einen Artikel über Menschen schreiben, die – warum auch immer… äh, naja, das klingt vielleicht blöd… Blut trinken“ gab Anna zu. Sie berichtete, dass sie kürzlich eher zufällig auf diese Art modernen Vampyrismus gestoßen war. Tom sah zum Barkeeper und hob nur ganz kurz seinen Zeigefinger. Sofort tauchte dieser kurz ab und stellte dann ein gefülltes Glas vor ihm ab. Tom schob das Glas zu Anna. Ihre Augen weiteten sich. War das Blut? Auf den ersten Blick hatte sie angenommen, es wäre Rotwein gewesen, doch nun sah sie, dass dieses Getränk dickflüssiger war. Sie konnte ihren Blick nicht mehr davon lösen. „Möchtest du kosten?“ fragte Tom plötzlich. Anna zuckte leicht erschrocken zusammen, nickte dann aber neugierig. Sie nahm zunächst nur einen kleinen, dann aber doch noch einen kräftigen Schluck und dachte im ersten Moment, ihr würde schlecht. Es schmeckte tatsächlich wie Blut. Nach wenigen Augenblicken begann sie sich jedoch richtig gut zu fühlen. Sie war hellwach. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Begeistert sah sie Tom an. „Wow“ brachte sie nur heraus. Er nickte wissend. „Mehr solltest du aber erst mal nicht davon trinken. So was braucht eine gewisse Eingewöhnungszeit.“ Anna nickte verstehend.

Tom spürte, dass er Anna vertrauen konnte und wollte noch mehr über sie wissen. So erzählte sie, wie sie zu ihrem Job gekommen war. Tom merkte, dass das eigentlich nicht ihr berufliches Ziel gewesen war und schaute sie erwartungsvoll an. „Ich wollte eigentlich Bibliothekarin werden,“ sagte sie verlegen „habe aber das Studium nicht geschafft.“ Eine zarte Röte stieg ihr ins Gesicht. Warum auch immer, schämte sie sich tatsächlich dafür. Es war immer ihr Traumberuf gewesen. Nun, da sie ganz passabel schreiben konnte, ging sie eben ihrem zweiten Traumjob nach. Er lächelte. „Bibliothekarin, soso. Ich habe in meinem Haus eine kleine Bibliothek. Dort herrscht ein ziemliches Chaos. Also eine Bibliothekarin könnte mir tatsächlich helfen.“ Tom hatte das eigentlich scherzhaft gemeint, sprach es aber aus irgendeinem Grund ernster als gewollt aus. Anna wurde sofort hellhörig und sah ihn begeistert an. „Eine eigene Bibliothek?“ fragte sie mit kindlicher Überraschung. Zu gern wollte sie diese sehen. Aber sie konnte ja nun nicht einfach mit einem Fremden mitgehen. Deshalb nahm sie sich sofort wieder zurück und nippte nachdenklich an ihrem Weinglas. „Ich würde sie dir ja gern zeigen, aber ich glaube, dazu kennen wir uns noch zu wenig, hm?“ Konnte er Gedanken lesen? Sie nickte zustimmend, doch der Glanz in ihren Augen verriet sie. „Wenn wir uns etwas besser kennen, okay?“ Erleichtert sah sie ihn an und lächelte. „Das heißt, du willst mich kennen lernen?“ fragte sie, obwohl ihr das inzwischen schon klar war. Er nickte und sah ihr tief in die Augen. „Du hast wunderschöne Augen. Eine faszinierende Farbgebung“ sagte er ernst. Anna wurde ganz warm, sie fühlte sich etwas schwach. „Danke“ sagte sie verlegen. „Entschuldige, ich wollte nicht aufdringlich sein“, sagte er schnell und lachte herzlich. Wieder ließ er dabei seine akkuraten, gut gepflegten Zähne aufblitzen. Anna lachte mit. Das könnte der Beginn einer wundervollen Freundschaft sein, dachte sie.

Sie verabredeten sich ein paar Mal zu harmlosen Treffen. Einmal gingen sie ins Kino, das andere Mal gemeinsam ins Dark Rose, wieder ein anderes Mal verabredeten sie sich für einen Museumsbesuch. Sie verstanden sich super und hatten viele gemeinsame Interessen. Anna war fasziniert von Toms Kultiviertheit und seinem Aussehen. Tom liebte Annas unbeschwerte Art und freute sich jemanden gefunden zu haben, der ebenfalls Bibliotheken und Museen so liebte wie er. Anna hatte inzwischen aufgegeben ihren Artikel zu schreiben, weil sie das unerklärliche Gefühl hatte, Tom oder seine Gäste damit zu verraten. Nach dem fünften Treffen schließlich bot er ihr endlich an, ihr seine eigene Bibliothek zu zeigen. Anna war tatsächlich aufgeregt und sehr gespannt.

Tom hatte Anna für den nächsten Morgen eingeladen. Sie sollte um neun erscheinen, dann würde auch seine Putzfrau mit ihrer Arbeit beginnen. Seine Putzfrau! Anna war total auf das Haus gespannt.

Als sie schließlich davor stand, blieb ihr buchstäblich die Luft weg. Ein Wahnsinns-Anwesen mit einer riesigen Villa, alles wundervoll begrünt und mit Blumen bepflanzt. Tom hatte mit Sicherheit auch einen Gärtner. Die Putzfrau kam auch gerade an und grüßte freundlich. Natürlich hatte sie einen Schlüssel für das Tor und auch die Haustür. Anna ging mit ihr hinein und stand in der Eingangshalle. Es war wirklich eine Halle. Sie kam sich etwas verloren vor. Aber alles gefiel ihr sehr. Wie konnte Tom sich das nur leisten? Plötzlich stand Tom vor ihr. „Hi“ sagte er fröhlich. „Du fragst dich, wie ich mir das leisten kann, oder?“ Anna erschrak etwas. Dieser Typ musste Gedanken lesen können. So etwas gab es ja aber gar nicht. Oder? Sie nickte und sah sich fasziniert um. „Na komm, du willst doch nur einen Raum sehen.“ Er lächelte und ging voraus. Anna maß erstaunt die Räume mit ihren Augen und erhaschte Blicke in die anliegenden Zimmer. Als ihr Blick auf Tom fiel, blieb er unweigerlich an ihm hängen. Er hatte eine perfekte Figur und sein Gang war elegant. Sie riss sich wieder zusammen und folgte ihm stumm. Sie gingen eine Treppe hinauf und betraten die Bibliothek.

Tom hatte weit untertrieben. Eine kleine Bibliothek war das nicht. An jeder Seite des Raumes befanden sich neun riesige Regale, die bis unter die Decke reichten. Alle waren nahezu voll mit Büchern. Auf dem Boden und dem Schreibtisch, einem riesigen antiken Sekretär in der Mitte des Raumes, stapelten sich weitere Bücher. Es herrschte zweifellos ein Durcheinander. Ein Blick in eines der Bücherregale verriet ihr, dass die Werke nicht nach einem bestimmten Schema geordnet waren. Sie waren vermutlich einfach nach dem Erwerb, so wie sie eben kamen, hinein gestellt worden. Anna ging langsam an den Regalen entlang und ließ ihre Finger sanft über die Buchrücken gleiten. Die meisten waren sehr alt oder wirkten zumindest so. Ein herrlicher Anblick! Lächelnd sah sie zu Tom. Er hatte sie, an den Türrahmen gelehnt, fasziniert beobachtet und lächelte zurück. Genauso jemanden brauchte er. Jemanden, der seine Bücher so liebte wie er selbst. „Und, traust du dir diese Aufgabe zu?“ fragte er gerade heraus. Sie nickte. War das ein Jobangebot? Fragend schaute sie zu ihm hinüber. „Ich bezahle dich natürlich, das steht außer Frage. Sind für den Anfang Zweitausend im Monat okay?“ Sie schaute ihn erstaunt an. „Das ist sogar ganz schön viel“ fand sie. „Nun,“ antwortete er „ich könnte mir vorstellen, dass das hier einer Lebensaufgabe gleich kommt.“ Sie ließ noch einmal ihren Blick über die Bücher gleiten und nickte bedächtig. „Ja, doch, könnte sein. Aber eine schöne!“ Lächelnd sah sie ihn an und wusste, dass sie diesen Job annehmen würde. Am liebsten wär sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst, aber so gut kannten sie sich ja nun wirklich nicht. Und außerdem waren sie ja nun auf dem besten Weg zu einem Vorgesetzten-Angestellten-Verhältnis. Ihr Herz schlug schneller und aus dem Augenwinkel sah sie ihn verstohlen an. Er hatte sich einem Bücherstapel zugewandt. Er sah verdammt gut aus, fand sie. Sie schüttelte den Gedanken aus ihrem Kopf und wandte sich wieder den Bücherregalen zu. „Also abgemacht. Ich rufe meinen Anwalt an und lasse einen Arbeitsvertrag aufsetzen. Wenn du möchtest, kannst du dann morgen schon anfangen.“ Anna schaute zustimmend zu Tom und sagte: „Ich würde am liebsten gleich anfangen, habe heute sowieso nichts weiter vor.“ Tom lächelte, machte eine einladende Handbewegung und verließ den Raum, um zu telefonieren. Auf dem Sekretär stand ein Laptop, der eingeschaltet war. Anna verschaffte sich rasch einen Überblick über die vorhandenen Programme und entwarf schnell eine grobe Datenbank, mit der sie die Bücher erfassen konnte. Ehe sie sich versah, war sie mittendrin und völlig in ihre neue Aufgabe vertieft. Es war wie in einem schönen Traum.

Anna widmete sich, so oft sie konnte, Toms Büchern und ging ganz in ihrer Arbeit auf. Die Stelle bei der Zeitung hatte sie inzwischen gekündigt. Oft saß sie bis tief in die Nacht am Schreibtisch und las auch in vielen der Bücher mehr als nur die Klappentexte. Manche waren uralt. Das älteste, das sie bisher in den Händen gehalten hatte, war aus dem 18. Jahrhundert. Faszinierend! Die Bücher hatten zum Teil auch dicke Staubschichten angesetzt, welche sie sorgfältig beseitigte. Einige legte sie beiseite, um sie restaurieren zu lassen. Zum Glück konnte Tom sich das ja leisten. Er ließ ihr abends immer etwas zu essen kommen, weil sie alles um sich herum vergaß. Er kümmerte sich rührend um seine Angestellte und lobte ihre Arbeit. Oft saßen sie auch nur so in der Bibliothek oder unten im Wohnzimmer vor dem Kamin beisammen und unterhielten sich stundenlang. Tom hatte so viel Ahnung von Geschichte. Er erzählte oft, als wär er selbst dabei gewesen. Anna fand, dass er auch Schriftsteller hätte werden können. Tatsächlich schrieb er auch hin und wieder historische Texte.

Die beiden verband inzwischen eine innige Freundschaft, aus der leicht hätte mehr werden können, wenn Anna nicht so viel Respekt vor Tom gehabt hätte. Sie fand es irgendwie, für sich selbst unerklärlicher Weise, unpassend, ihm zu sagen, dass sie eigentlich sogar für ihn schwärmte. Sie fühlte sich unweigerlich sehr zu ihm hingezogen. Tom ging es jedoch nicht anders. Auch er schwärmte für Anna, liebte ihre Leichtigkeit und durfte doch diese Beziehung nicht zu innig werden lassen. Er trug ein Geheimnis mit sich herum, welches er Anna gern verraten wollte, fürchtete jedoch, dass sie dann nie mehr so unbeschwert hätte sein können. Er fühlte sich schrecklich deswegen.

Anna hatte einen weiteren Nachmittag in Toms Bibliothek verbracht, die Katalogisierung war schon ganz gut voran geschritten, ihr Ordnungssystem hatte sich bewährt, es lagen keine Bücher mehr unachtsam gestapelt herum.

Es war schon Abend als Tom nach Hause kam und keine Geräusche im Haus vernahm. Er betrat leise die Bibliothek. Anna war am Computer eingeschlafen. Sie hatte ihren Kopf nur ganz kurz auf ihren Arm legen und ihre Augen ausruhen wollen. Tom stand neben ihr und betrachtete sie eingehend. Er sog ihren Duft ein, den er wundervoll fand. Sacht strich er über ihr Haar. Sie regte sich und sah ihn verschlafen an. „Oh, ich bin eingeschlafen“ sagte sie verlegen. „Das ist doch nicht schlimm“ sagte er sanft. „Du kannst nebenan auf dem Sofa ein wenig ausruhen, wenn du möchtest.“ Sie räkelte sich und merkte, dass ihr Rücken leicht schmerzte. „Gern“ sagte sie und lächelte müde. Sie schlurfte nach nebenan und ließ sich auf dem großen Sofa nieder. Es war so bequem, dass sie sich gleich lang machte. Tom kam mit einer Decke herüber, die er über ihr ausbreitete. Sie schloss lächelnd die Augen und genoss Toms Anwesenheit. „Ich muss dir etwas sagen“ sagte er sehr leise. „Hmmhm“ machte Anna verschlafen ohne die Augen zu öffnen. Tom sprach ruhig weiter. „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die für die meisten Menschen nicht existieren, aber dennoch sind sie wahr.“ Anna hörte Toms Stimme, als sei er weit weg. Sie nickte langsam, verarbeitete seine Worte aber nicht wirklich. Tom strich wieder über Annas Haar. Dann ließ er seine Finger ganz sanft über ihre Wange gleiten. Anna lief ein Schauer über den Rücken, sie erwachte jedoch nicht. Toms Hand glitt weiter über ihr Gesicht den Hals hinunter bis zu ihrem Schlüsselbein. Ein weiterer Schauer, und trotzdem wurde ihr jetzt ganz warm. Tom legte seine Hand auf ihre Wange. Jetzt schlug sie doch die Augen auf und legte ihre Hand auf seine. „Was ist los?“ fragte sie. Tom sah sie traurig an. „Was ich dir sagen möchte, könnte dein Leben verändern“ warnte er. Anna machte große Augen; sie war plötzlich hellwach. „Das Bluttrinken hat mich verändert“ begann er fast flüsternd. „Sehr sogar.“ Forschend blickte er ihr in die Augen. Anna stockte der Atem. Sie wagte ihren Gedanken nicht auszusprechen. „Anna, ich erzähl dir das nur, weil ich dich sehr ins Herz geschlossen habe und ehrlich zu dir sein möchte. Wenn du das alles nicht wissen willst oder mit mir nichts mehr zu tun haben willst, verstehe ich das.“ Anna schluckte, schüttelte dann aber den Kopf. Sie fand keine Worte, wusste aber, dass sie es erfahren wollte. „Also gut,“ fuhr Tom fort, „ich bin über 300 Jahre alt. Ich konsumiere seit meinem 20. Lebensjahr regelmäßig Blut, überwiegend Tierblut. Nur hin und wieder, wenn es mir angeboten wird, trinke ich menschliches. Ob es andere Menschen wie mich gibt, weiß ich nicht so genau. Ich habe mal jemanden getroffen, bei dem ich es sozusagen gespürt habe, dass er so sein könnte wie ich.“ Tom machte eine Pause, damit Anna das bis jetzt gesagte, verdauen konnte. Sie hatte sich unter der Decke zusammen gekauert und zog sie bis zum Hals hoch, schaute aber wissbegierig. Tom erzählte also weiter: „Ich kann anscheinend sehr alt werden. Ich werde so gut wie nie krank und altere nur langsam. Ich habe alle Zeit der Welt. Ich brauche nur wenig Schlaf. Meine Kräfte sind erstaunlich. Wunden heilen schneller, und ich kann Schmerzen ertragen, die ein gewöhnlicher Mensch nicht annähernd aushalten würde.“ Tom schwieg wieder. Er wollte Anna nicht überfordern, aber hatte ein so großes Bedürfnis das mit ihr zu teilen. Sie sagte nichts; ihr schossen tausend Gedanken durch den Kopf. „Ich bin schneller und stärker als andere Menschen oder als ich es früher war“ fügte Tom noch hinzu. „Anna, sagst du etwas dazu?“ Anna schaute ihn mit großen Augen an. „Ich… ich… weiß nicht… das klingt so… keine Ahnung…“ stammelte sie. „Wer weiß noch davon?“ fragte sie. „Niemand“ antwortete Tom wahrheitsgemäß. „Es gab bisher niemanden, dem ich dieses Geheimnis anvertrauen wollte.“ Tom legte seine Hand auf ihre, die unter der Decke hervor sah. Anna zog sie erschrocken zurück, was ihr jedoch sofort Leid tat. „Ich habe endlich jemanden gefunden, mit dem ich mein Leben teilen möchte“ sagte Tom und sah ihr tief in die Augen. Anna schmolz dahin. „Aber dieses Leben ist sehr lang, und ich habe Angst dich eines Tages zu verlieren“ gab Tom zu. „Bleibst du heute Nacht hier?“ fragte er unvermittelt. Anna sah ihn überrascht an, nickte aber. Sie wollte unbedingt bei ihm bleiben. Ihr schossen plötzlich viele Gedanken durch den Kopf… jedes jemals geschriebene Buch lesen, jede gesprochene und ausgestorbene Sprache lernen, alle Filme schauen, die je gedreht wurden, jede Pflanze und jedes Tier mit lateinischem Namen nennen können, die Welt sehen, ja und dann? Anna war jedoch zuversichtlich, dass es dann neue Möglichkeiten geben würde. Und wenn nicht? Dieser Gedanke formte sich unweigerlich in ihrem Kopf. Wie viele Jahre würden bis dahin vergangen sein? Was passiert, wenn geliebte Menschen nach und nach alle sterben? Wie kann man seine Natur verbergen oder glaubhaft aufrechterhalten?

Sie hatten die halbe Nacht geredet, bis Anna eingeschlafen war. Sie vertraute Tom vollkommen. Er hatte ihr erzählt, wie er die Welt bereist hatte, nahezu jede Bibliothek und jedes Museum auf der Welt besucht hatte und schließlich über ihren Schlaf gewacht. Was war schon eine Nacht im Gegensatz zu 300 Jahren. Am nächsten Morgen ließ er ihr Frühstück kommen und verschwand für einige Stunden. Anna saß in der Bibliothek und ließ sich das Gespräch vom Vorabend intensiv durch den Kopf gehen. So richtig realisieren konnte sie das alles noch nicht. Sie hatte ja schon immer geglaubt, dass es mehr gab, als die Wissenschaft behauptete, aber nie hätte sie gedacht, dass sie es so hautnah erfahren würde.

Als Tom zurückkam, saß sie im Wohnzimmer mit einem der wunderschönen antiken Bücher in der Hand, welches gerade restauriert worden war. Tom setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. Sie legte das Buch weg. „Tom,“ fragte sie leise „kann jemand… könnte ICH so sein wie du?“ Er streichelte ihre Hand, ließ seine Finger über ihr Handgelenk und den Unterarm bis hoch zum Oberarm und zu ihrer Schulter gleiten. Ein wohliger Schauer überkam sie. Er sah ihr tief in die Augen. „Ich denke, das bist du schon.“ Erstaunt sah ihn Anna an. „Wie meinst du das?“ fragte sie überrascht. Er nahm ihre Hand in seine. „Deine Sinne sind viel schärfer als die der meisten Menschen. Du kannst dich fast vollständig kontrollieren, in jeder erdenklichen Situation. Hitze setzt dir zu, genau wie Kälte. Ich glaube, du bist ein geborener Vampyr, so wie ich.“ Er sah ihr direkt in die Augen. Die Erinnerung an die Kostprobe im Club stieg in ihr auf. Wie sie sich da gefühlt hatte, so stark und mächtig, konnte doch kein Zufall gewesen sein. „Was ist denn mit den Leuten im Dark Rose?“ fragte sie. „Das sind einfach Menschen, Gothics, moderne Vampyre, die gern mal am Wochenende einen Tropfen Blut konsumieren und die Atmosphäre unter ihresgleichen genießen. Von denen ist keiner wie ich. Ich sehe, wie sie täglich älter werden.“ Tom lächelte belustigt. „Wie bist du eigentlich damals auf die Idee gekommen Blut zu trinken?“ wollte Anna wissen. „Oh, das war Zufall“ antwortete Tom. „Auf dem Hof meines Vaters gab es regelmäßig Schlachtfeste. Bei diesem einen Fest, damals als ich 20 war, hatte ich das Bedürfnis das Blut zu kosten. Nachdem ich das getan hatte, fühlte ich mich plötzlich so stark und war hellwach und voller Energie. Ich war fasziniert. Ich begann dann im Wald Wild zu jagen, zuerst Hasen, dann auch Rehe, um an deren Blut zu kommen. Damals ging das ja alles noch so einfach. So merkte ich, dass das Blut bei mir etwas bewirkte, was ich bis dahin nicht kannte und wovon ich auch noch nie gehört hatte. Nachdem ich dann 10 oder 20 Jahre regelmäßig Blut konsumiert hatte und immer noch keinen Tag älter war, weder äußerlich noch gefühlt, erkannte ich die Magie darin. Das brachte natürlich neue Komplikationen mit sich. Jeder, der mich kannte, wunderte sich darüber. Also musste ich in der Folge regelmäßig meinen Lebensmittelpunkt verlegen. Deshalb bin ich auch so viel rumgekommen.“ Anna hörte fasziniert zu. „Aber wie kannst du dann sowas hier haben?“ Sie schaute sich im Raum um. „Dieses Anwesen? Nun ja, die Anwaltsgesellschaft, die mich vertritt, hat genau dafür ein gewisses Talent.“ Er schmunzelte, wollte das Thema aber nicht näher ausführen. „Mit den Identitäten ist das natürlich auch so eine Sache. Man braucht eben die richtigen Leute dafür. Zeugenschutzprogramme kann man nicht nur für tatsächliche Zeugen nutzen.“ Tom zwinkerte sie an. Anna lächelte. Mehr brauchte sie nicht zu wissen.

Fortsetzung folgt…

Mindshit :-)

Auswahl 1999 bis 2004:

Wir haben dich verdammt
wurdest von uns verbannt
dich verabscheut jedes Wesen
doch dein beschränkter Geist begreift nicht

Kein Mitleid kann ich haben
kein Mitgefühl in meiner Seele
kein Funken Liebe
hasse dich wie all jene

Doch dich stört das nicht
du liebst nur dich
nichts ist dir heilig
zerstörst eines jeden Werk

Heute finden wir uns zusammen
und nehmen dich gefangen
sperren dich in eine kleine Zelle
du schreist

Nichts hilft es dir
kannst nicht entfliehen
wir haben nun die Macht alles zu tun
Verzweiflung breitet sich in dir aus

Dein Blut zu Boden fließt
brichst zusammen
das letzte Zittern deines Körpers
dann ist ausgelöscht dein unbedeutend Leben

Erlöst bist du nun
glaubst dir kann nichts mehr geschehen
doch viel Unerledigtes lässt du zurück
drum umgibt dich Unzufriedenheit in alle Ewigkeit.

 

Kein Wort, kein Satz, NICHTS.
Mein Kopf ist leer,
leer wie das Vakuum, in dem ich existiere.

Die Welt, wie sie es nennen,
in der so viel Kummer und Schmerz ist,
dass ich kaum noch atmen kann.

Öffne für mich das Fenster,
durch das die frische Luft der Liebe und des Glücks hereinströmen,
um mich zu nähren, um mich wieder atmen lassen zu können.

Ich will vergessen, was um mich ist,
will wissen, was in Dir ist,
will sein, wie ich bin und nicht, wie ich sein soll.

Ich will erkennen, was da noch ist,
zwischen Himmel und Erde,
zwischen Dir und mir,
zwischen allen Wesen der Welt.

Doch vielleicht ist es so, dass es nichts mehr gibt.
NICHTS, so wie in meinem Kopf.

 

Am Leben erstickt.
Den Tod herbei gesehnt.
Vom Dasein SATT.

Am Abgrund gestanden.
Gedanken verschwendet.
Menschen VERGESSEN.

Im Rausch vergangen.
Gefühl gegeben.
Träume UNAUSGELEBT.

Wesen geliebt.
Unwürdige gehasst.
Im Regen GETANZT.

Liebe gefühlt.
Trauer gehalten.
Mein Leben GELEBT.

Am Ende angelangt.
Dem Tod so nah.
Allein GESTORBEN.

Im Glück vergangen.
Die Nacht genossen.
DICH vermisst.

 

Nacht umgibt mich
das Licht - entflohen
schaurige Kälte umhüllt meine Seele
mein Herz - ein Stein

Dunkelheit will nicht entflieh’n
will das Licht verborgen lassen
Wärme fehlt mir sehr
fühl’ mich unendlich allein

Tausend böse Augen starren mich an
machen mich nervös
machen mir Angst
ein Aufschrei entrinnt meiner Kehle

Eine Erscheinung – sie kommt auf mich zu
was ist sie?
bedrohlich nah schon
ich will flieh’n, doch kann es nicht

Sie greift nach mir
und hält mich fest
ich schreie
doch plötzlich erfüllt Wärme meine Seele

Licht breitet sich aus
erleuchtet den Himmel
blendend, gleißend hell
ein warmes Gefühl durchflutet mich
Ich bin endlich daheim.

 

Dunkelheit umgibt mich
Der Mantel der Nacht hat mich umhüllt

Friedliche Ruhe ist nur zu hören
Kein Geräusch eines Lebenden

Die Unsterblichkeit ruft mich und empfängt mein Fleh’n
Der Flucht aus dem Leben dient nicht mehr länger nur der Tod

Mach mich zu dem was unsterblich ist
Schenk mir die Gabe der Finsternis

Ich will dich begleiten durch neue Jahre
Und mit dir teilen, was dich quält

Gemeinsam überdauern wir die Ewigkeit
Und nicht mehr länger diene ich der Zeit

 

Ein Meer aus Kerzen
schenkt ich dir
gab Liebe, Glaube, Hoffnung dir
VERGESSEN

Dein Blut in Wallung
kochend, DÜRSTEND, besinnungslos
Wilde Gedanken, kreisend
VERGESSEN

In deinem Grab, da liegst du
angstvoll, schmerzerfüllt
erloschen dein Leben, der seidene Faden
GERISSEN

vergessen die Zeit, die Wunden heilt
vergessen ALLES
alles um uns
VERGESSEN

Tod umgibt dich
allein, ruhig, dunkel
erlangst das ewige Leben nun
DOCH

kommst du wieder oder
verlässt du alles, was du gekannt
für immer oder nur bis
MORGEN

 

Wundervolles Geschöpf der Nacht
Hol mich zu Dir
Schenk mir Deine Gabe
Mach mich zu dem was Du bist

Ich könnte wandeln durch die Nacht
Ohne Furcht
Wer auch immer dort draußen ist
Könnte mir nichts anhaben

Böse Menschen im Dunkel der Nacht
Euer Blut wird mir am besten schmecken
Niemand wird euch vermissen
Abschaum der Menschheit

Schenkst mir ewige Jugend und Schönheit
Ich lege ab die Eigenarten des menschlichen Seins
Der Gestank des Lebens wird mich nie mehr ereilen
Komm zu mir mein dunkler Engel

 

Bittersüßer Schmerz des Lebens
Frisst an meiner Seele
Melancholie ist der Rhythmus meines Herzens
Verzweiflung der Takt, in dem die Zeit verinnt
Bäche aus Einsamkeit drohen mich zu ertränken

Meine Gedanken kreisen nur um dich
Wie kann ich dich lieben, wenn du mich doch so wenig verstehst
Jahre hörten wir die selbe Musik des Glücks
Soll nun alles vergessen sein?
Warum kannst du nicht sein wie ich
Bevorzugst eine andere Straße für deine Reise des Lebens

Ein See voller Unwissenheit tut sich vor mir auf
Und ich habe das Gefühl nicht schwimmen zu können
Ich stehe an einer Kreuzung
Der eine Weg führt zu dir
Der andere zum Leben, dass ich immer gewünscht
Wie soll ich entscheiden?

Ohne deine Unterstützung bin ich machtlos
Doch wenn du bei mir bist, unterstützt du mich nicht
Befreiung scheint mir nun als Anker
Der mir zu Rettung hingehalten
Doch bedeutet dies dich zu verlassen
Und das wirst du nie versteh’n!

Kindheit

Von Kind an hörst du
Tu das nicht!

Ein jedes Experiment

Bleibt dir verwehrt.

Du könntest Schaden nehmen
Drum hör auf die Großen.

Wenn du selbst Groß bist
Tust und lässt du, was du willst.

Niemand sagt mehr
Tu das nicht!

Dein Experiment gelingt

Oder nicht.

Nun bist du es
Der verbietet.

Doch bedenke
Auch du warst Kind!

Oktober 2002

fremdbestimmt – selbstbestimmt

Von allen verlassen
Vom Leben gehasst
Selbstbestimmung zählt nicht
Dein Tun wird kontrolliert
Nicht Du darfst entscheiden
Was Du tust oder lässt
Mitmenschen schreiben es vor
Sie wollen „Dein Bestes“
Sehen nicht ein
ES SCHMERZT!

Nicht Ihr sollt wissen, was ich will
Nicht glauben, Ihr seiet die Wohltäter
Ich allein mein Leben beherrsche
Mein Körper, meine Seele, meine Sein
Ich bin, drum geht und
Lasst mich allein
Mit meinen Entscheidungen und
MEINEM Willen.
 

August 2001

100 Augen

Ihr starrt mich an als wär ich kein Mensch
Hundert Augen jeden Tag
Wer gibt euch das Recht dazu?

Will nicht euch gefallen
Seht weg und lasst mir meine Ruh

Es geht euch nicht an, was ich trage
Überhört wie ich rede!
Vergesst mein Gesicht!
Mein Tun und Lassen ist nicht für euch

Ich verbiete euch mich anzusehen
Ihr habt kein Recht dazu

Seht in den Spiegel und lacht über euch
Ich hasse euch, ihr Hundert Augen

Mein Gesicht ist für mich
Also lasst es mir und starrt es nicht an

Es macht mir Angst
Es macht mich wütend.
Oktober 2002